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Ein Rückblick auf "The Conference"

"Exploring complexity in a digital world"

"The Conference" im schwedischen Malmö ist eine Konferenz der etwas anderen Art: International sehr beliebt und top organisiert, ging es im neunten Jahr wieder um die richtig großen Fragen: Was passiert eigentlich nach dem Tod? Was ist hinter dem Universum? Und warum sollte KI (keine) Kunst erschaffen können? Keine leichte Kost. Aber all diese Fragen knüpfen immer an das übergeordnete Motto an: "Exploring complexity in a digital world". Und da sum.cumo auch ein Teil dieser digitalen Welt ist, machten sich Ende August Janina (Pleitner), Julia (Gebauer), Volker (Növermann) und Michael (Welz) auf den Weg nach Malmö. Natürlich sind wir neugierig, was sie von dort mitgenommen haben.

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Warum sollte man The Conference besuchen?

Julia: Hier bleibt das Tagesgeschäft einmal vor der Tür. Die Themen sind breit gefächert und so ausgewählt, dass man das große Ganze betrachten muss und angeregt wird, aktuelle Fragestellungen und Probleme zu lösen. Diese hängen nicht immer mit Digitalisierung zusammen, aber mit den Herausforderungen einer digitalen Welt. Die Talks erinnern mich sehr an TED, die Speaker kamen aus der Forschung, aus Startups, von Google oder aus Japan und verblüfften mich mit dem was sie machen und denken. Oder wusstet ihr, dass das Baugewerbe genauso weit digitalisiert ist wie die Jagd?

Auch die Location ist mit Bedacht ausgewählt: 2017 versammelten sich alle ca. 900 Teilnehmer in der Oper von Malmö, dieses Jahr gab es im Slagthuset (ein ehemaliger Schlachthof) noch mehr Platz und insgesamt drei Bühnen. Es wird sehr darauf geachtet, möglichst wenig Müll zu produzieren, Plastik gibt es überhaupt keins. Das Essen ist vegetarisch und kommt ausschließlich aus Malmö, der Cappuccino ist ebenso inklusive und ein Traum.

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Volker: Es werden so viele unterschiedliche Themen angeboten, die in jeweils einem Panel aus mehreren Perspektiven von Speakern aus aller Herren Länder betrachtet werden. Man kann sich von Design über Demokratie zu Deepfakes genau die Talks herauspicken, die einem besonders gut gefallen. Neben den Speakern und deren Vorträgen ist die Atmosphäre einzigartig. Ich hatte das Gefühl, bei einer Veranstaltung dabei zu sein, die aus der Community heraus für diese gemacht ist, ohne finanzstarke und präsentierfreudige Sponsoren an jeder Ecke. Das internationale Publikum, das Konferenz-Design, die Organisation und Events, das Wetter, die Musikeinlagen und hervorragende Moderatorinnen haben die Konferenz dann perfekt abgerundet.

Janina: Dazu ergänzend: Auch die Sprecher haben sich als Teil der Community gefühlt. Sie waren selber bei allen Talks dabei und haben ohne Allüren zusammen mit uns an der Konferenz teilgenommen. Überrascht hat uns auch immer wieder, von wie weit die Teilnehmer extra für das Event angereist sind: Montreal, per Zug aus Barcelona, aus den USA, …

Michael: Ich denke, keiner der Teilnehmer geht dort hin, um sich fachspezifisch weiterzubilden. Dafür sind die Themen zu breit gefächert, was ich aber für die Art der Konferenz als sehr positiv empfand. Die Vorträge laden ein, im (Arbeits-)Alltag über den Tellerrand zu blicken und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ich nehme für mich persönlich eine ganze Menge Inspiration und kreative Anregungen mit.

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Von welchen Talks habt ihr am meisten mitgenommen und warum?

Maria Malho – Hacking democracy

Abie Philbin Bowman – Crash course in the Irish voting system

Volker: In den beiden Talks im Panel "Hacking Democracy" geht um das unterschiedliche demokratische Verständnis im Hinblick auf Wahlen und den Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält. Erst berichtet die finnische Forscherin Maria Malho vom Experiment des bedingungslosen Grundeinkommens in ihrem Land. Sie leitet im Anschluss das Model eines Universalismus' ab, in dem Teilhabe über Ownership steht. Im Anschluss folgt ein Crashkurs durch das irische Voting System, mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass uns mit dieser Art von Mitbestimmung wohl viele Negativ-Ereignisse wie z. B. die Wahlen von Donald Trump oder Boris Johnson erspart geblieben wären. Durch das dort praktizierte sogenannte Zombie-Voting werden Zweit- und Drittprioritäten von Wählern erfasst, womit Stimmen nicht an Wert verlieren, sobald der Wunschkandidat/die Wunschpartei ausscheidet.

Meghan O'Gieblyn – God in the machine

Julia: Die Essayistin Meghan O'Gieblyn verbindet Gedanken zu Sci-Fi und Religion und teilt mit uns ihre Arbeit zum Thema Wiedergeburt und Transhumanismus. Ich mag ihren Ansatz, dass für existenzielle Fragen immer unterschiedliche Metaphern den Diskurs bestimmen und diese deshalb mit Bedacht gewählt werden müssen. Sie spannt den Bogen von Dante bis Elon Musk und lässt dabei auch ihre eigene Glaubenskrise nicht aus.

Andrea Jones-Rooy – Under measure – measuring what matters

Julia: Wenn eine Professorin für Data Science gleichzeitig Comedian ist, kann eigentlich nur ein gelungener Beitrag dabei herauskommen. Unbedingt das Video anschauen! Andrea spricht von der Herausforderung, ein abstraktes Konstrukt wie Diversity zu messen und betont, dass Daten keineswegs die Wahrheit widerspiegeln, sondern es eigentlich auf die richtigen Fragen ankommt.

Che-Wei Wang - When Design Gets Swallowed by Engineering


Julia: Che-Wei Wang ist Designer, arbeitet größtenteils mit KI und ist der Meinung, dass Systeme um den Menschen herum gebaut werden sollten, nicht rund um KI. Ich unterstütze seine These, dass in der heutigen Welt Ethik und politische Führung mehr denn je gebraucht werden.

Dr. James Beacham – What's outside the universe?

Julia: Ein Physiker vom CERN widmet sich in fast schon dramaturgischer Weise einer der größten Fragen überhaupt. Unbedingt ansehen!

Volker: Ein amerikanischer Teilchenphysiker berichtet von seiner Arbeit im CERN und der Entdeckung des Higgs-Boson, für das 2013 der Nobelpreis für Physik verliehen wurde. Der Vortrag ist eine Mischung aus Physik und Philosophie, eingebettet in eine tolle Geschichte und mit viel Humor vorgetragen. Auch als Nicht-Physiker konnte ich sehr gut folgen, in eine Gedankenwelt fernab vom eigenen Tagesgeschäft eintauchen und sich einmal mit den vermeintlich großen Fragen des Lebens auseinandersetzen.

Michael: Wie viele supraleitende Elektromagnete benötigt man um einen Teilchenbeschleuniger um den Rand des Sonnensystems zu bauen und warum sollte man das überhaupt tun (wollen)?
Eine mit viel Witz präsentierte Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstands im Bereich Quantenphysik und der Fragen, die sich die Wissenschaft dort stellt.

Anna Åhnberg – Under measure – measuring what matters

Janina: Anna Åhnberg berichtet in ihrem Vortrag "Under measure – measuring what matters", welchen Weg Oatly eingeschlagen hat, um Zahlen zu messen, die wirklich wichtig sind für die Gesellschaft - nämlich die Messung der CO2-Bilanz der Oatly Hafermilch. Für mich hatte der Talk folgende Quintessenzen bzw. Bestätigungen:

  • Es macht einfach mehr Spaß einem Vortrag mit auf das Unternehmen zugeschnittenen Grafiken zu folgen und keiner Textwüste
  • Nicht zu tun, nur weil wir Angst davor haben, bringt uns nicht weiter - "Just do it and risk it… hug the big scary monster… Learning is the only way to move forward."

Mark d'Inverno – AI, creativity and all that jazz

Janina: In diesem Vortrag - oder man muss ihn eher Jazz Live Performance nennen - hat Mark d'Inverno dargelegt, dass ein Produkt nur über die "power in the mind" entwickelt werden kann. Er betont, dass man dabei jede Menge Feedback benötigt, Selbstreflektion sehr wichtig ist und wir ohne Feedback einfach nicht besser werden können.

Kris De Decker - Look back, move forward

Michael: Ein Rückblick über die Veränderungen, die mit der Industrialisierung einhergingen und welche Probleme wir uns selbst mit High Tech erst geschaffen haben. Kris de Decker betreibt eine solarbetriebene Low Tech Website, die er auf möglichst niedrigen Stromverbrauch optimiert hat. Die Website fällt bei Regen ins Wasser …
Er spricht darüber, wie neue Technologien Probleme schaffen, die vorher nicht da waren, welche dann wiederum durch weitere Technologien gelöst werden müssen.

Cyrus Clarke – Playing with biology

Michael: Unsere gesamte Cloud Infrastruktur verursacht jährlich mehr CO2 als die Flugindustrie, während wir bereits wesentlich mehr Daten erstellen als wir speichern können. Cyrus Clarke gehört einem Forscherteam an, das alternative Wege gesucht hat um Daten CO2-neutral zu speichern. Er demonstriert, wie unsere Daten ultrakompakt in DNA sequenziert, in Pflanzen gespeichert und wieder dekodiert werden können. Die Vision: Ein Cloud-Forest als Datenarchiv neben der bisherigen Infrastruktur.

Live Musik gab es auch:

Curiositi – Ready
Vincent Bahar
Need for speed – Soft touch

Was wollt ihr noch loswerden?

Volker: Ich habe Gedankenanstöße mitnehmen können, über die ich heute noch nachdenke, wie z. B. intelligentes Geld oder die CO2-Bepreisung von Gütern. Nicht jeder Vortrag war gleichermaßen spannend, aber allen Speakern habe ich abgenommen, dass sie für das brennen, wovon sie berichten. Das habe ich auch abseits des fachlichen Inputs mitgenommen: sich von seiner Begeisterung tragen lassen, Dinge einfach mal machen ohne dass man das Ende kennt und auf dem Weg dorthin lernen. Oder in den Worten einer Speakerin ausgedrückt: "The fear of the unknown or not being perfect is the big monster. We can't just sit and wait, we must act."

Julia: Malmö ist eine Stadt am Meer, das sagt schon vieles :-) Wir hatten zwei Tage lang 30 Grad und das haben die Schweden entsprechend gefeiert. Seit einigen Jahren hat das sehr internationale Malmö eine Art Hafencity mit Zugang zum Wasser, hier war einiges los. Abends wurden wir zu einer Joggingrunde durch die Stadt eingeladen und die große Party stieg in einer Boule-Bar. Unterm Strich ist Malmö alleine schon eine Reise wert, als Location für die Konferenz aber der absolute Hammer. Mir gefällt die skandinavisch-entspannte Atmosphäre und ich hoffe, nächstes Mal wieder dabei zu sein. Inhaltlich wie organisatorisch gibt es hier nichts, was man besser machen könnte.

Janina: Ich freue mich jetzt schon auf das nächste Jahr. Selbst, wenn wir nicht wieder dabei sein können, stellen die Macher der Konferenz alle Talks ins Netz und lassen die gesamte Community live und auch noch später an allen Talks teilnehmen. Das zahlt auch wieder darauf ein, dass die Konferenz weniger an Sponsoren interessiert ist, sondern einen Mehrwert für die Community schaffen möchte.

Michael: Viele Themen aus den Talks haben mich bis jetzt nicht losgelassen. Besonders schön fand ich den Fokus auf Nachhaltigkeit, der sich durch die komplette Konferenz und die Organisation gezogen hat. Ich würde wieder hingehen.

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Autor Zum Autor
Julia
Gebauer
#ux Julia begann im Mai 2017 als Senior Copywriter bei sum.cumo. Mittlerweile ist sie als UX Writer Teil des UX-Teams und schreibt Texte für die digitalen Produkte von sum.cumo und der Kunden. Ihr Ziel ist es, die Nutzung dieser Produkte mit klarer Sprache so einfach und verständlich wie möglich zu gestalten und eine Art menschlichen Dialog entstehen zu lassen. Julia ist projekt- und kundenübergreifend tätig und kümmert sich auch jenseits der Web-Anwendungen um Content, Text, Worte und Sprache bei sum.cumo. Vor ihrer Zeit als UX Writer in Hamburg war Julia in der Marketing-Kommunikation verschiedener Unternehmen unterwegs: Nach dem Studium der Literaturwissenschaften in Deutschland und Italien arbeitete sie mehrere Jahre für das Portal outdooractive.com und das Logistikunternehmen Dachser, bevor sie in die Sportartikelbranche zu Ortovox und schließlich zu sum.cumo wechselte. Julia schätzt ihre Arbeit bei sum.cumo, da der persönliche Umgang miteinander "wirklich einzigartig ist" und sie ihre vielfältigen Interessen und Talente voll entfalten und einbringen kann. Außerdem weiß sie das selbstbestimmte Arbeiten und eine gelungene Work-Life-Balance zu schätzen. 
 Die ist ihr vor allem deshalb so wichtig, da sie mittlerweile als remote Kollegin wieder in den bayerischen Voralpen lebt und dort jede freie Minute in den Bergen oder an den Seen verbringt. Mit Outdoor-Sport und in der Natur lädt sie ihre Batterien wieder auf, ansonsten liebt sie das Meer und surft, fotografiert oder liest ein gutes Buch. 
In ihrer Freizeit schreibt Julia für ein Bergsport-Portal und veröffentlicht ihre Reisefotos auf juliagebauer.com. Alle Artikel von Julia