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IT-Plattformen für Technologie- und Datenhoheit

Bei der Digitalisierung der Versicherungswirtschaft geht es nicht zuletzt auch um eine Erneuerung der technologischen Basis. Dabei verfügen die meisten Versicherer über eine sehr heterogene Ausgangssituation. Seit den Anfängen der elektronischen Datenverarbeitung ­haben ­Versicherer­ in­ Systeme ­investiert ­und ­dabei­ häufig­ auf­ Eigenentwicklungen gesetzt.

Neue Anforderungen in der Versicherungswirtschaft brachten in den letzten Jahren auch neue Anwendungen mit sich, sodass die IT-Architektur mit der Zeit immer komplexer wurde. Weitgehend unverändert blieb dabei über Jahrzehnte das durch die IT unterstützte Geschäftsmodell. Die IT war auf das Papierzeitalter und die stationären Vertriebe ausgerichtet. Eine automatisierte end- to-end Verarbeitung der wesentlichen Geschäftsvorfälle war nie vorgesehen. Zwei unterschiedliche Einflussgrößen üben in den letzten Jahren einen starken Veränderungsdruck aus.

Verwaltungskosten bei Kompositern – 8,7 Prozent

Zum einen müssen Versicherer wettbewerbsfähig bleiben, indem sie ihre Verwaltungskosten reduzieren, um mit neuen digitalen Anbietern mithalten zu können. Die durchschnittlichen Verwaltungskosten in der Kompositversicherung lagen nach EIOPA-Angaben 2018 bei 8,7 Prozent gegenüber 5,8 Prozent im EU-Durchschnitt. Gründe dafür sind der stark fragmentierte deutsche Markt und das gebremste Vorgehen bei der Digitalisierung. Zum anderen haben sich die Anforderungen der Kunden gewandelt. Erfahrungen aus anderen Branchen werden auf die Versicherungswirtschaft übertragen. Kauf und Service über digitale Plattformen werden selbstverständlich erwartet.

Durch diese Einflussgrößen hat sich auch die Definition der „IT-Plattform“ verändert. Während bisher die Systeme zur Verwaltung von Verträgen, Kunden, Vertriebspartnern und die Finanzprozesse im Vordergrund standen, rücken nun die Fähigkeiten im Frontend in den Vordergrund. Portale, die es erlauben, Geschäftsprozesse an die Schnittstelle zum Vertriebspartner und Kunden zu verlagern, stehen bei der Weiterentwicklung im Vordergrund. Im Idealfall wird es möglich, alle Geschäftsvorfälle automatisiert und in real-time zu bearbeiten, um sowohl Kundenerwartungen als auch die Kostensituation wirksam zu adressieren.

Der Weg von den alten batchorientierten Kernsystemen in die digitale Welt ist steinig. Zunächst stellt sich die Frage nach dem richtigen Migrationsansatz und dann nach den richtigen Technologien.

Die schrittweise Ablösung wird bevorzugt

Beim Migrationsansatz entscheiden sich die meisten Häuser für eine schrittweise Ablösung der Altsysteme über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Dabei besteht die Gefahr, dass nur die Technik, nicht aber das Geschäftsmodell erneuert wird. Außer- dem bindet die Umstellung einen Großteil der Ressourcen in der IT und vielfach auch in anderen Fachbereichen.

Die Alternative wäre der parallele Aufbau einer neuen Infrastruktur mit dem Ziel, darüber schnell das Neugeschäft abzuwickeln. Die größte Herausforderung besteht darin, zügig eine Vertrags- oder besser Kundenmigration aus den Altsystemen zu realisieren, um die Doppelstrukturen abzubauen. Dieser Weg wird in der Praxis selten gewählt, da er als riskanter und schlechter steuerbar gilt. Hauptproblem ist der organisatorische Umbruch und der zu erwartende Widerstand der Beschäftigten.

Bei der Auswahl der Technologie hat der Markt inzwischen die Überzeugung gewonnen, dass Standardsoftware am ehesten in der Lage ist, die Probleme zu lösen. Dabei ist man bereit, die jahrzehntealte Tradition der Eigenentwicklung über Bord zu werfen.

Dieses Vorgehen ist nachvollziehbar, wenn es um klassische Verwaltungsanwendungen im Backoffice geht, da hier nur bedingt eine Differenzierung vom Wettbewerb möglich ist. Effizienz und Compliance stehen im Vordergrund. Etablierte Softwareanbieter von msg über SAP und Adesso bis zu Guidewire bieten robuste Lösungen an, die aber alle ihre Schwächen in der digitalen Interaktion haben.

Lösungen im Frontend werden wichtiger

Und gerade auf die digitalen Lösungen im Frontend kommt es zukünftig an. Hier wird die Marke erlebbar. Visual Design und Usability entscheiden über die Wirtschaftlichkeit des Onlinevertriebs und die Akzeptanz von Self-Services. Im Frontend ist der Ausgangspunkt der Geschäftsprozesse und im besten Fall können sie in Echtzeit abschließend bearbeitet werden, um auf Kundenerlebnis und Wirtschaftlichkeit gleichermaßen einzuzahlen.

Offenkundig setzt die fallabschließende Bearbeitung in Echtzeit moderne Internet- Technologien voraus. Die InsurTech-Welle, die seit 2016 Kraft entfaltet, bietet der Versicherungswirtschaft heute kostengünstigen Zugang zu häufig auf Machine Learning basierenden Anwendungen, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Underwriting bis Schadenbearbeitung Effizienzpotenziale heben können.

Die strategische Herausforderung der Versicherer in den nächsten Jahren besteht darin, die technologischen Möglichkeiten zum Erhalt und zum Ausbau der Wettbewerbs- position zu nutzen und beim Aufbau einer
neuen digitalen IT-Plattform die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Eine Basisanforderung an jedes System und jeden Anbieter muss zukünftig Konnektivität über offene Schnittstellen sein. Kernsysteme müssen über einen API- Layer verfügen, der es erlaubt, alle Prozesse über das Frontend zu steuern. Lösungen von Technologieanbietern und InsurTechs müssen leicht integrierbar sein, um Iot oder andere datenbasierte Anwendungen nutzen zu können. Nur so ist es möglich, zukünftig noch im Neugeschäft zu wachsen, das immer weniger über etablierte Vertriebsstrukturen läuft. Aggregatoren und Onlinehändler setzen ebenso technische Kompetenz voraus wie die Ökosysteme, die in verschiedenen Lebensbereichen entstehen und bei denen Versicherungsschutz nur eine Beistellleistung ist, die an andere Produkte und Services gekoppelt wird.

Die größte Gefahr besteht für Versicherer darin, die Hoheit über Technologie und Daten aus der Hand zu geben. Bei der Auswahl von Dienstleistern sind daher Anbieter spannend, die bereit sind, Softwarelösungen zum Beispiel über einen Open Source-Ansatz zu teilen und Co-Development mit der IT-Abteilung des Versicherers zuzulassen.

So kann technologisches Know-how nicht nur aufgebaut, sondern auch auf Dauer in jeweils aktueller Form im Unternehmen gehalten werden. Offenheit für Kooperationen und die Fähigkeit diese auch umzusetzen, sind der Garant dafür, in einem sich ändernden Markt relevant zu bleiben.

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