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Deutsche Mittelständler: Im Maschinenbau Weltklasse, in der Versicherungswirtschaft Provinz?

Gastautor: Marc Surminski

Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Im Scheinwerferlicht stehen zwar meist die großen Weltkonzerne. Aber in vielen Branchen agieren die Mittelständler als Hidden Champions. Manche kleinen Spezialisten aus der deutschen Provinz sind in ihrem Segment Weltmarktführer. Das gilt etwa für den Maschinenbau oder für die Elektrotechnik. Aber nicht für die Versicherungswirtschaft. Hier bleiben die Mittelständler aus der Provinz, was sie sind: Mittelständler aus der Provinz. Woran liegt das? Warum scheinen Innovationskraft und Unternehmergeist die deutschen Versicherer nicht so zu beflügeln wie ihre Mittelstands-Pendants aus der Industrie? Und wäre es möglich, dass die Digitalisierung hieran etwas ändert?

In der Versicherungswirtschaft gibt es von Allianz bis Zurich nur einige wenige wirklich globale Player. Sie haben sich ihre Position über Jahrzehnte aufgebaut – und zwar nicht unbedingt mit Innovationskraft, sondern mit Beharrlichkeit, strategischem Weitblick und vor allem mit sehr viel Geld. Damit haben sie es geschafft, sich in fremde Märkte einzukaufen und auch dort eine dominierende Rolle zu spielen.

Starke Local Heroes

In den meisten Versicherungsmärkten gibt es aber neben den globalen Giganten eine breite Mischung von Local Heroes – Versicherer, die hier seit Menschengedenken zu den Marktschwergewichten gehören oder fest in den verschiedensten Segmenten und Nischen des Marktes verankert sind. Das gilt natürlich nicht nur für Deutschland: Auch in den USA wird der Markt von einer breiten Palette von Versicherern geprägt, die außerhalb Nordamerikas kaum jemand kennt.

Das hat etwas mit dem grundsätzlichen Charakter von Versicherungen zu tun. Anders als etwa im Maschinenbau sind grenzüberschreitende Aktivitäten von einer zentralen Eigenschaft des Versicherungsgeschäftes eingeschränkt. Das Produkt Versicherung ist ein rechtliches Konstrukt und damit immer eng an die jeweiligen Verhältnisse des Landes gebunden: etwa an das Haftungsrecht, an das Steuerrecht und an die Ausgestaltung der Sozialsysteme. Dazu kam über lange Zeit eine strenge regionale Aufsicht, die in Europa erst mühsam seit der Deregulierung zugunsten eines grenzüberschreitenden Ansatzes verändert wird.

Deutsche Versicherer lebten bis in die 1990er-Jahre in einer Art staatlich kontrolliertem Naturschutzpark, in dem es nicht nötig war, innovativ und international aufzutreten. Es war genug für alle da, niemand brauchte zu kämpfen. Lange Zeit mussten sich die deutschen Versicherer weniger über ihre Produkte oder über ihre Services im Markt differenzieren, sondern meist nur über ihren Vertrieb. Möglichst viele Köpfe bedeuteten möglichst viel Umsatz. Während deutsche Maschinenbauer sich ihre Position im offenen Konkurrenzkampf mit Anbietern aus internationalen Märkten erkämpft haben, war es für die deutschen Versicherer schlicht unnötig, diesen Weg zu gehen. Zu Hause schwamm man im Geld; auch kleine Regionalversicherer konnten sich in der Provinz wie Könige fühlen (und auch die entsprechenden Verwaltungspaläste bauen.)

Beschränkte deutsche Versicherungsmittelständler

Diese Zeiten gehen zwar inzwischen zu Ende, aber bis heute ist der Druck auf die meisten deutschen Versicherer gerade des Mittelstandes nicht so groß, als dass sie etwa über die Eroberung neuer Märkte im Ausland nachdenken müssten. Hinzu kommt die Rechtsform vieler mittelständischer Versicherer: Häufig sind sie Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit. Sie werden ebenso wie die öffentlichen Versicherer nicht von den Erwartungen der Börse angetrieben. Genügsamkeit ist ihnen quasi in die DNA eingeschrieben, denn ihr Unternehmenszweck ist es im Wesentlichen, sich um die Belange ihrer Mitglieder bzw. Kunden zu kümmern.

Auch öffentliche Versicherer und R+V zieht es ebenfalls nicht in die Welt; Konsolidierung und Marktführerschaft in Deutschland sind ihre Ziele, und damit sind sie vollauf beschäftigt, denn der Markt ist hierzulande immer noch trotz aller Konzentrationsbewegungen der letzten Jahre sehr üppig besetzt. Und offenbar ist die Solvenz- und Ertragslage auch immer noch derart, dass sich das so schnell nicht ändern dürfte. In anderen Märkten, etwa Großbritannien, ist der Konsolidierungsdruck zwar deutlich größer gewesen. Aber auch hier haben sich die lokalen Kräfte im Mittelstand einigermaßen behauptet, und internationale Champions gibt es außer Lloyd’s wenige – und Lloyd’s ist immerhin auch schon einige Hundert Jahre dabei.

Ändert die Digitalisierung die Lage?

Die Frage ist, ob die Digitalisierung an diesen bisherigen Beschränkungen etwas ändert. Werden jetzt die Karten neu gemischt, liegt jetzt Disruption durch neue Unternehmen in der Luft, die mit innovativen, auch grenzüberschreitend wirksamen Konzepten in mehreren Ländern antreten und zu neuen Marktführern der Versicherungswirtschaft werden könnten? Bislang ist davon wenig zu sehen. Angriffe von Insurtechs auf das Versicherer-Establishment bleiben meist regional begrenzte Bemühungen – mit bislang häufig eher gemischter Erfolgsbilanz.

Mit Lemonade hat sich eines der erfolgreichsten Assekuranz-Startups aus den USA vor einiger Zeit in die Welt getraut. In Deutschland ist der Angriff des US-Börsenstars weitgehend wirkungslos verpufft. Das zeigt, wie schwer es ist, digitale Erfolgsrezepte, die häufig auf den Defiziten in bestimmten Märkten beruhen, erfolgreich auf einen anderen Markt zu übertragen, in dem es womöglich ganz andere Probleme gibt. Außerdem gilt: Eine Police für die wichtigsten Risiken eines Wohnungsbesitzers hat eben nicht so viel globale Faszination wie das neue Modell von Tesla.

Man tritt dem deutschen Versicherungsmittelstand sicherlich nicht zu nahe, wenn man feststellt, dass er nicht in diesen Dimensionen denkt und man von ihm wohl eher nicht erwarten kann, dass er künftig eine globale Rolle einnehmen wird. Aber auch im deutschen Markt gibt es ja noch eine Menge Potenzial für digitale Innovation – und genug zu tun für unsere Local Heroes.

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