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26.03.2019 sum.cumo

Agile Produkt­entwicklung mit UX-Communities

Dustin Hesse (SKOPOS NOVA) war bei sum.cumos „Design After Work“

Bei sum.cumo schreiben wir Weiterbildung groß – deshalb sind nicht nur viele von uns auf Konferenzen vertreten (siehe unsere Nachberichte), sondern betreiben wir auch eine Reihe von Veranstaltungen selbst. Diese Veranstaltungen sind gerne öffentlich, wie in unregelmäßigen Abständen das Hamburger Vue.js-Meetup, oder auch das Sketchnotes-Meetup, manche sind jedoch intern: Unser „Design After Work“ ist eines davon. Im Februar hatten wir Dustin Hesse von SKOPOS NOVA zu Besuch, und hier teilt Dustin nochmal öffentlich, wovon er bei uns am Schlump sprach. Danke Dustin!

„Group discussions take too long. I would rather create the product. And then wait and see what the customer does.” – Eric Ries, The Lean Startup

Verhalten und Einstellungen der Nutzer gegenüber Produkten und Services zu erfassen, um deren Erfolg abzuschätzen, oblag lange Zeit vor allem der Marktforschung. Mit den Möglichkeiten, die das Internet zur Erfolgsmessung von digitalen Produkten und Services bietet, wurde die Daseinsberechtigung der Marktforschung in den letzten Jahren jedoch infrage gestellt.

Die Lean Startup Methode nach Eric Ries beschreibt vier Schritte in einem Kreislauf:

  1. Die Idee (Idea)

  2. Das schnelle Umsetzen der Idee als „Minimum Viable Product“ (Build)

  3. Das Messen der Reaktion der Nutzer auf das Minimum Viable Product (Measure)

  4. Das Lernen auf Grundlage der Daten und schließlich die Optimierung oder das Verwerfen der Idee (Learn)

  5. Ein Beispiel: Da sich Menschen schneller fortbewegen wollen, wird ein Fahrrad (Idea) als „Minimum Viable Product“ entwickelt (Build). Die Verkaufszahlen werden gemessen (Measure). Im Winter bleiben die Verkäufe aus. Also wird eine überdachte Rikscha oder vielleicht sogar ein Auto entworfen, das bei schlechtem Wetter mehr Schutz bietet (Learn/Idea).

    Während die Verkaufszahlen leicht erhoben werden können, ist es jedoch schwer zu erfassen, wie genau der Nutzer das Fahrrad nutzt. Ähnlich ist dies im digitalen Umfeld: Für Websites bieten A/B-Tests eine Möglichkeit, schnelles Feedback einzuholen, indem die Performance (Zugriffe, Absprungrate, Conversion) zweier Varianten einer Website live gegeneinander getestet wird. Im Bereich App geben dagegen Download-Zahlen im jeweiligen App Market Place und Daily Users schnell Aufschluss darüber, ob eine App erfolgreich ist.

    Aber was, wenn beide Versionen einer Website eine schlechte Performance liefern? Was, wenn wir immer nur Fahrräder miteinander vergleichen, obwohl der Nutzer ein Auto möchte? Bestenfalls sollten wir den Nutzer von Anfang an in die agile Produktentwicklung einbeziehen – und das möglichst schnell und iterativ.

    Eine Lösung für schnelles Nutzerfeedback: Die UX-Community

    Eine UX-Community ist eine eigene Online-Plattform, die aus potentiellen Nutzern eines Produktes oder einer Dienstleistung besteht. Auf dieser Plattform werden klassische Marktforschungsmethoden adaptiert, um auf verschiedene Weise in unterschiedlichen Detailgraden Nutzerfeedback einzuholen:

    • In kurzen Online-Befragungen kann ein Stimmungsbild zu grundlegenden Ideen und Konzepten erhoben werden. Auch längere Befragungen sind natürlich möglich.

    • In Blogs können Nutzungstagebücher verfasst werden, um in der Tiefe zu verstehen, wie Produkte und Services im Alltag genutzt werden. Oder es werden anhand der Customer Journey Pain Points im Alltag verstanden, für die es sich lohnt, digitale Produkte und Services zu entwickeln und optimieren. Bild-Uploads zu den Nutzungserfahrungen sind möglich, um einen tieferen Einblick in die Lebenswelt zu gewinnen.

    • In moderierten Foren können die Nutzer verschiedene Fragestellungen zu unterschiedlichen Produkten, Services und Konzepten miteinander diskutieren.

    • Um die Einträge im Tagebuch oder im Forum noch besser zu verstehen und Rückfragen zu klären, können die Nutzer flexibel zu Video-Interviews und -Fokusgruppen über Skype o.ä. eingeladen werden. Mithilfe von Screen-Sharing sind dabei auch Usability-Tests leicht umsetzbar.

    • Im Rahmen der Interviews und Online-Befragungen ist die Einbindung von UX-Tools wie Card Sorting, Tree Testing und Wireframe Testing ebenfalls leicht möglich.

    Ist die Community einmal aufgebaut, ist Nutzer-Feedback in jeder Phase der Produktentwicklung schnell und flexibel einzuholen: vom Erfassen der Bedürfnisse der Nutzer über Konzeptentwürfe bis hin zu Usability-Tests. Bestenfalls kann jeder Product Owner im Unternehmen die Konzepte, an denen er gerade arbeitet, in die Community „schmeißen“. Egal, ob es sich um eine Navigationsstruktur oder einen Sales Funnel für Versicherungen handelt, der Product Owner erhält noch am selben Tag erstes Feedback, mit dem er die Idee optimieren und erneut testen lassen kann.

    So können wir uns mit einer digitalen und agilen Marktforschung sicher sein, den Leuten kein Fahrrad zu verkaufen – wenn sie eigentlich ein Auto wollen.